Technologie auf dem Vormarsch

Legal Design Thinking – Was ist das?

Buzzwords sind in aller Munde. Auch die Juristen können sich dessen im Jahre 2019 nicht erwehren. Insbesondere jene, die nicht ständig online sind, vielleicht auch sogar eher ländlich wohnen oder der älteren Generation angehören und nicht direkt alles Neue immer sofort mitbekommen.

Gerade haben sie so einigermaßen verstanden, was Legal Tech ist, und versuchen, sich dem Grad der Digitalisierung entsprechend auszurichten, da geistert schon der nächste Begriff durch die einschlägigen Gazetten: Legal Design Thinking. Was ist das nun wieder?

Legal Design Thinking

Es handelt sich um eine innovative Methode, die in anderen Branchen bereits seit vielen Jahren angewendet wird und nun auch bei den Juristen angekommen ist. Wie der Name schon suggeriert, geht es um eine Verbindung aus Recht und Design. Die Denkweise von Designern, ihre Herangehensweise zur Problemlösung, wird auf juristische Sachverhalte angewendet. Sie analysieren nicht nur die konkrete Problemstellung, sondern schauen sich auch das Gesamtgefüge sowie die Blickwinkel und Bedürfnisse der am Prozess Beteiligten an.

 

Legal Design soll ermöglichen, rechtliche Erwägungen im Rahmen der Entwicklung juristischer Produkte und Dienstleistungen frühestmöglich miteinzubeziehen. Der Nutzer dieses Services stellt daher den Ausgangspunkt und den Mittelpunkt der Überlegungen dar. Seine Erwartungshaltung wächst und so soll ihm nicht bloß rechtliche Sicherheit geboten werden, sondern auch Anwendungsfreundlichkeit. Dies ist ein Novum für Juristen, die sich bislang in der Regel nur darum gekümmert haben, dass etwas juristisch wasserfest ist. Eine solche direkte, gesetzeskonforme Problemlösung ist zwar notwendig, letztlich aber doch nur das absolute Minimum, wenn man bedenkt, dass dabei oft der jeweils tatsächliche Bedarf des Gegenübers – außerhalb des rein rechtlichen Gerippes – vernachlässigt wird. Ein Beispiel ist z.B. die Cookie-Abfrage auf Websites. Einerseits soll dem Datenschutz und der Transparenz Raum gegeben werden, andererseits erschweren aufploppende Fenster und ähnliches das reibungslose Surfen im Netz.

 

Ein weiteres Ziel ist es, Menschen, die mit rechtlichen Problemen konfrontiert werden, zu ermöglichen, bessere Entscheidungen zu treffen. Dafür müssen sie im Vorfeld, im Rahmen der Entscheidungsfindung, alle notwendigen Informationen in einer Art und Weise dargestellt und übermittelt bekommen, dass sie möglichst da abgeholt werden, wo sie sind. Ein Großteil der Menschen gehört mehr oder weniger zu den juristischen Laien. Diesen müssen die Informationen im Kontext zugänglich gemacht werden, indem sie gut aufbereitet und transportiert werden. Hilfreich sind hier z.B. eine einfachere Sprache, transparente Information über den Verfahrensgang, weniger Text, Implementierung von Grafiken und Übersichten sowie klare Strukturen.

Beispiele

Wenn etwa Vertragsklauseln oftmals falsch verstanden werden und daraus regelmäßig Dispute entstehen, wird ein entsprechend geschulter Jurist nicht nur den Vertragstext und seine Informationen selbst überprüfen, sondern ganzheitlich alle Beteiligten in seine Prüfung miteinbeziehen. Was juristisch korrekt formuliert wurde, ist für manch Laien miss- oder gar völlig unverständlich. Warum diese Missverständnisse entstehen, ist sodann zu untersuchen. Manches Mal ist der Text vielleicht auch verständlich, jedoch fehlen dem Nutzer ergänzende Informationen.

 

Ein Beispiel: In Finnland hat die Pensionskasse Briefe mit der vorausberechneten Höhe der zukünftigen Rentenzahlung verschickt. Die Empfänger zeigten vielfach Unmut. Warum? Zwar waren die Briefe inhaltlich richtig, doch die Empfänger wussten nicht, ob der errechnete Betrag zum Leben reichen würde bzw. insbesondere, wie sie ihn noch erhöhen könnten. Infolgedessen wurde das Schreiben optisch umgestaltet, die Sprache vereinfacht und um Hinweise zur Optimierung der Rentenhöhe ergänzt.

 

Zum Anwalt? Lohnt sich nicht!

Studien haben ergeben, dass ein Großteil der Menschen bei rechtlichen Problemen keinen Anwalt aufsuchen würden. Und auch da setzt Design Thinking an, wenn zunächst untersucht wird, warum dies so ist. Das ist die Ausgangsfragestellung. Hier könnte man dann Hypothesen aufstellen, was die Gründe sind, oder eben – nicht minder naheliegend – die Menschen selbst dazu befragen. Die (potentiellen) Mandanten als zu analysierende Zielgruppe steht im Mittelpunkt.

 

Eben eine solche Analyse hat schon die Ideen für bereits etablierte Legal Tech-Player hervorgebracht, wie z.B. Flightright, das sich auf die Durchsetzung von Fluggastrechten spezialisiert hat. Diese geltend zu machen, war zuvor mühsam und wenig erfolgversprechend. Die Beträge waren oftmals zu klein und die Datenlage zu dürftig. Auf der Plattform von Flightright hingegen wird es dem Anwender sehr einfach gemacht, den geltend zu machenden Schaden einzugeben. Auch Pauschalpreise für eine Problemlösung dienen aufgrund ihrer Transparenz der Anwenderfreundlichkeit und werden daher besser angenommen als die üblichen anwaltlichen Gebühren. Die Lösung, viele kleine Beträge zu bündeln, beseitigte bereits ein Problem, das zuvor den Zugang zu einer rechtlich zufriedenstellenden Lösung behindert hatte. Nun wurde darüber hinaus eine Plattform geschaffen, die es ermöglicht, tausende ähnlich gelagerte Fälle zu erfassen. Ergänzt mit dem Know-how aus der EU-Fluggastrechteverordnung und den entsprechenden Daten zu Flügen, Wetterlage etc. ist es plötzlich sehr gut möglich, all diese Fälle zur Durchsetzung zu führen.

Mit Legal Design Thinking können also sowohl das Rechtsprodukt an sich als auch die Servicedienstleistung drumherum verbessert werden.

 

Herangehensweise

 

Im Design Thinking wird zwischen verschiedenen Schritten differenziert.

 

understand (research, collaborate, analyze, define): In einem ersten Schritt wird die Fragestellung untersucht. Dazu werden die Beteiligten befragt.  Ziel ist es, sich in die Lage des Nutzers hineinzuversetzen und seine aktuellen Herausforderungen und Ziele nachvollziehen zu können. Diese Analyse der Ausgangslage ist für Juristen nichts grundsätzlich Neues, wird jedoch nunmehr mit weiteren Methoden unterfüttert und im Ganzen erweitert.

 

systemize: Der Kern des Problems wird – aufgrund der im vorigen Schritt gewonnenen Erkenntnisse – neu definiert und die Fragestellung entsprechend angepasst.

 

create (ideate, design, prototype): Die Brainstorming-Stufe, in der viele Ideen zur Problemlösung generiert werden. Hier geht es um schnelles Testen der Ideen. Dann werden sie in Iterationsschleifen sukzessive verbessert. Für Juristen ist auch das ein recht neuer Ansatz, da sie dahingehend ausgebildet sind, direkt eine weitestgehend perfekte Lösung zu liefern.

 

implement: Schließlich wird die mehrfach getestete und dadurch sukzessiv verbesserte Idee in die Organisation integriert, deren Struktur schon von vornherein ganzheitlich mitbetrachtet wird.

 

Ausblick

Bislang gibt es in Deutschland keine Möglichkeit, Legal Design zu studieren. Das Jurastudium selbst ist ohnehin reformbedürftig. Zum Testen ist es hilfreich, wenn – wie in den USA – Legal Design Labs eingerichtet werden.

Wichtig sind die Bereitschaft, interdisziplinär zu arbeiten und letztlich am allerwichtigsten: das entsprechende Mindset.

 

  • Viele verschiedene Ideen sind oft besser als die eine Idee, die vermeintlich das Problem in jeder Facette lösen soll.
  • Es ist ein Irrglaube, dass eine schnelle, allumfassende Lösung herbeigeführt werden muss. Der Prozess ist komplexer.
  • Der Nutzer muss in seinem Kontext gesehen werden, nicht bloß das Rechtsproblem, mit dem er kommt.
  • Umgib Dich mit Mitarbeitern, die anders denken als Du. Sei offen für neue Ideen und Ansätze, die interdisziplinäres Arbeiten zutage führen.
  • Lasse Kreativität zu. Bringe die Ideen zu Papier. Manchmal liegt die Lösung dort, wo man sie nicht vermutet, oder jene Ideen, die man nicht für erfolgversprechend hielt, erzielen dann den Durchbruch.

 

Wenn all das vorhanden ist, kann die Kombination von Legal Design Thinking und Legal Tech zukünftig die Rechtsdienstleistungsbranche revolutionieren.

 

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